3./4. März

Curacao → Aruba, eine Vollmondnacht

Um 17 Uhr gingen wir ankerauf (Seglersprache) um Spanish Water noch im Hellen zu verlassen und in Ruhe die Segel zu setzen.

Nachdem ich gesehen hatte, wir Klaus seine eklig bewachsene Ankerkette beim Hochholen schrubben mußte, habe ich gestern weitere 10 m von unserer Kette heraus gelassen. Das zahlte sich nun aus. Unsere Kette war blitzblank, der Schlabber hatte sich am Boden abgeschubbert.

4-5 Bft., ein dreifach gerefftes Großsegel, ein wenig Genua, Kurs raumschots (schräg von hinten).

75 Meilen waren es bis Aruba. Bei einer Geschwindigkeit von 5 kn braucht man dafür 15, bei 6 kn 12,5 Stunden. So kommt man am nächsten Morgen im Hellen an und alles ist super.

Ich maulte schon am Anfang. 6,4 kn, wir sind zu früh da. Die Geschwindigkeit steigerte sich auf durchgehend mehr als 7 kn, manchmal waren es sogar 8! Der wunderschöne Vollmond überflutete das Wasser mit silbernem Glanz, die Sicht war grandios. Um so unverständlicher war die gruselige Begegnung mit dem Frachter Skorpios, der um die Nordspitze kam und mit 12 kn auf uns zuraste.

5 nm vor uns änderte er noch mal ein wenig die Richtung, damit wir ihm auch ja nicht entkommen.

3 nm vor dem großen Knall funkte ich ihn an und wies auf unsere Existenz hin. Ich bin sicher, er hatte uns bis dahin nicht gesehen, aber anscheinend saß da eine echte Frohnatur am Funkgerät. Er sagte so sinngemäß, wir sollten uns mal keine Sorgen machen und änderte seinen Kurs so, daß er nun vor uns querte (verdoppelt die Herzfrequenz). In diesem entscheidenden Moment lagen noch 0,3 nm = 600 m zwischen uns, und er war richtig groß. Das war Gott sei Dank die einzige dumme Begegnung in dieser Nacht.

Ansonsten hatten wir eine schöne Fahrt, mal abgesehen von den Querwellen die uns manchmal zwischen den Inseln durchschüttelten und die Inneneinrichtung toben ließ und!! natürlich waren wir viiiiel zu schnell.

So gegen 6 Uhr, es war immer noch dunkel und auch der Mond, der Verräter, versteckte sich hinter schwarzen Wolken, schlichen wir vor Bocadera Harbour herum. Hier wollten wir einklarieren. Mit dem ersten Tageslicht machten wir am Customsdock fest. Die Formalitäten waren schnell erledigt, dann gab es Frühstück.

Kurz nach 9 Uhr erreichten wir die Marina in Oranjestad.

Drei Seiten Stadt umranden das Hafenbecken, die vierte Seite verrammeln sichtmäßig zwei riesige Kreuzfahrschiffe. Ein echtes Kontrastprogramm zu Bonaire und Curacao. Tausende Kreuzfahrer schnürten durch die Stadt und durch die Marina. Eine peruanische Famile fragte an, ob sie sich auf der SPICA fotografieren lassen könnten. Durften sie! Peruaner immer.

Mittags ertränkten heftigste Regenfälle jede Aktivität, aber kurz darauf schien wieder die Sonne.

Morgen werden wir uns ein wenig in der Stadt umsehen und vielleicht bei Budget marine nach unserer Ankerkette fragen.

Und da kommen wir gleich zu der nächsten Geschichte: Karibische Verhältnisse Teil 2.

Karibische Verhältnisse, Teil 2

Wie vielleicht schon einmal erwähnt “brauchen“ wir eine neue Ankerkette. Die jetzige, mit typisch europäischen Maßen, hält bestimmt noch ein Jahr ohne daß man sich bei viel Wind Sorgen machen muß, hat aber schon ein paar Stellen, an denen der Rost die Herrschaft übernommen hat. Auf Grenada war diese Sorte Kette nicht vorrätig und in der Südsee wird es wahrscheinlich noch viel schwieriger werden, eine solche zu bekommen. Mal abgesehen davon, daß dort alles sehr viel teurer ist. Norbert fragte bei Budget auf allen drei ABC Inseln an. B+C winkten ab, nicht am Lager. Tony Waldron aus Aruba wollte sie für uns bestellen, wies aber darauf hin, daß – wenn wir sie nicht kaufen – er dann wahrscheinlich 10 Jahre „darauf sitzen bleiben“ würde. Das Schiff starte am 5. Februar von St. Martin und werde Aruba ca. in der 3. Februarwoche erreichen. Das war von der Zeit her ok und wir erteilten den Auftrag.

Am 20. Februar teilte er uns mit, daß es nun endgültig am 28. Februar (Samstag) um 20 Uhr anlegen wird. 'Grrr! Nochmal eine Woche länger.

Am 2. März kam die erlösende Nachricht. Die Schiffsagentur hätte ihn benachrichtigt, das Schiff läge im Hafen und er hätte schon alle Papiere zum Customs geschickt.

Am 3. März bekamen wir eine neue Mail, das Schiff sei doch noch in Venezuela und könne wegen technischer Probleme den Hafen nicht verlassen.

Eine rote Wutwolke mit der Wucht einer kleinen Atombombe stieg in mir hoch. Ich sah uns noch das nächste Jahr hier liegen und warten.

T.W. War ebenfalls geknickt. Er hätte einen Container voll vorbestellter Ware an Bord (incl. unserer Ankerkette) und alle würden darauf warten.

Aber für uns ist es viel schlimmer!! Die Zeit hätten wir gern in Cartagena oder San Blas verbracht.

Nun sitzen wir auf Aruba und warten, während Lucie und John uns die ganzen Sehenswürdigkeiten in Cartagena weg gucken und Rosi und Klaus das Gleiche auf den San Blas Inseln tun.

Sonntag, 8. März

Oranjestad

Wie beschreibt man diesen Ort?

Am Besten in Etappen!

 

Bei unserer ersten Erkundungstour kam ich mir vor wie in einem zweit- oder drittklassigen Disneyland. An der Uferstraße reihen sich Casinos im (geschmacklosen) Zuckerbäckerstil, Hotels, Malls und Nobeljuwelliere nahtlos aneinander. Wirklich jede teure Uhrenmarke ist mit einem eigenen Geschäft vertreten. Das Motto dieser Stadt heißt Shopping!

Nach einer Stunde wollte ich zurück zum Boot. Sollte ich meinen Gemütszustand beschreiben paßt am besten: Fassungslos!!!

Die SPICA liegt direkt neben dem Seaside-Casino. Hunderte Spielautomaten warten auf ihren Einsatz. Die meisten Nutzer sind ältere Damen, die vor diesen Maschine sitzen. Es sieht sehr einsam aus.

Vor uns, an einem Anleger warten sieben Angelboote auf Kundschaft. Eine Tour dauert ca. 3-4 Stunden. Irgend etwas fangen sie immer, vom Babythunfischen bis zu deren Ururgroßvätern, die gerne einen Meter lang sind und einen riesigen Umfang haben. Auch Marline und Wahoos sieht man oft. Gemeinerweise wollen sie uns nichts verkaufen, es geht alles an die Hotels oder sie essen es selbst. (Das kann ich verstehen!) Dabei sieht ein eben gefangener Fisch total lecker aus. Da wir seit Peru Fans von rohem, nur mit Zitrone und Öl gebeizten Fisch sind, ist es doppelt traurig leer auszugehen.

Langsam erkunden wir unser Umfeld intensiver. Gepflegte Strände, ein kleiner Park mit einem See, überall Liegen in der Sonne. Es gibt Tennisplätze und Swimmingpools auf einem Gelände, das sich Private Island nennt und welches wir als Marinagäste mitbenutzen könnten. Von hier gibt es einen Motorbootshuttle direkt in das Renaissance Hotel. Ein kleiner Kanal führt unter der Straße hindurch und endet in der großen Eingangshalle. Hier muß keiner laufen.

 

In der Marina, ungefähr 100 m von unserer SPICA entfernt, liegen zwei riesige Yachten der Oberklasse gegen die die Luxusyachten in den James Bond Filmen fast ärmlich wirken. Vor ein paar Tagen begannen dort Aktivitäten an Bord. Es wurde geputzt, poliert und die Flagge gesetzt. Gestern muß wohl der Eigner eingetroffen sein, denn abends sorgten viele Lichter an Bord und eine Rundum-Unterwasserbeleuchtung für ein zusätzliches Luxusfeeling. Es sah wirklich schön aus.

Ich habe mich tatsächlich aufgerafft und es fotografiert.

 

 

Übrigens, auch die Polizei hat Spaß! Einige Polizisten haben hier einen Traumjob. Sie kontrollieren Marina und Hafen auf Jetskis, das sind die ein- und zweisitzigen Wasserfahrzeuge, die an der Müritz alle friedliebenden Segler zur Weissglut gereizt haben. Sitzt man drauf ist es bestimmt ein tolles Erlebnis. Bekommt man es dann auch noch bezahlt …....!

Montag, 9. März

Insel per Bus

Auf Aruba gibt es an der Ostseite eine weitere Stadt: San Nicolas, einfach mit dem Bus zu erreichen. Unser Bus war ein „Lumpensammler“, wir lernten fast jedes Dorf kennen, auch das Allerwinzigste. Das Inselinnere hat mir gut gefallen, leicht hügelig, mit der schon bekannten Vegetation: Kakteen und diese schirmartigen Bäume mit den zarten grünen Blättern. In San Nicolas stiegen wir aus und sofort wieder ein. Hier war wirklich gar nichts los. Auf dem Rückweg stiegen wir bei der Spanisch Lagoon aus, besuchten Budget Marine und erfuhren, daß es noch keine Neuigkeiten von unserer Kette gibt. Ein paar Tage haben sie noch Zeit, dann sieht es so aus als würde der Wind, der hier immer noch mit 7 Bft. Über die Insel kachelt, langsam schwächer und wir werden dann wohl weiter fahren.

Holzspielzeug – alternativ und pädagogisch ?

 

Neben dem Busbahnhof in Oranjestad gibt es einen kleinen Markt mit Tourikram, Kleider, Souvenirs und Krimskrams. Am Ende dieses Marktes hatte eine junge Chinesin ihren Stand aufgestellt.

Hier gibt es „für jeden etwas“. Wir brachen fast zusammen. Aus Gewehrpatronen gefertigte Kampfflugzeuge, aber auch Holzspielzeug. Zwei niedliche kleine Panzer aus schön gemasertem Holz standen hintereinander und warteten auf Käufer.

Bei genauem Hinsehen waren es nicht nur simple, poplige Panzer, denn drehte man am Geschützturm erklangen die lieblichen Töne einer Spieluhr, eine hübsche kleine Melodie, die beim Einschlafen hilft und schöne Träume verspricht.

Mittwoch, 11. März

Die „Maden und der Speck“ -> im Krabbenparadies

Kehren die Angelboote vor uns von ihren Raubzügen auf dem Meer zurück wird die Beute ausgeladen und geduscht. Dann folgt die Dokumentation. Viele Fotos halten den erfolgreichen Angler mit seinem silberglänzenden Fang für die Nachwelt fest. Später wird dieser (der Fisch, nicht der Angler) zerlegt und ein Teil wandert in einer Plastiktüte mit dem Helden nach Hause. (Neid!)

Die nicht benötigten Fischteile, Innereien, Fischhaut, Gräte etc. landet zwischen den großen Steinen hinter dem Steg im Wasser.

Zwischen diesen Steinen wohnen Krabben. Kleine Kunstwerke der Natur in den schönsten Farben. Knallrot, orange-bräunlich, graugrün oder, die Allerschönsten: weinrot. Die feucht glänzenden Panzer funkeln in der Sonne, sie ähneln perfekt gestalteten Schmuckstücken, besetzt mit glitzerndem Strass.

Setzt man sich ruhig hin, krabbeln sie aus ihren Verstecken und verzehren ihre fischige Beute. Ein ca. dreißig Zentimeter langes Stück Haut haben sie auf schwierigstem Weg etwa einen Meter weit transportiert. Ab und zu nimmt der Eine oder Andere schon mal ein Häppchen. Ihre Scheren knipsen kleine Stücke vom Futter ab und stecken sie sich zielsicher in den Mund. Es geht rasend schnell und „beidscherig“. Dabei beobachten sie mit ihren Stielaugen unausgesetzt ihre Umgebung, nicht daß ihnen jemand ihr Futter klaut.

Freitag, 13. März

Ein wenig Sightseeing

Ungefähr in der Mitte der Insel liegt die Casibari Rock Formation, eine geologische Besonderheit. Aus dem Wüstenboden erhebt sich eine steinerne Halbkugel, die schon von Weitem zu sehen ist. Hier sollen sich, laut Legende, die Ureinwohner bei Unwettern und Gewittern eingefunden haben, laut Infos ist dies ein magischer, heiliger Platz. Hat man den großen Felsen erklommen, belohnt eine herrliche Aussicht auf weitere Felsen und über die Insel.

Schmale Wege animieren zu Spaziergängen, geschickt integrierte Pflanzen mischen sich zwischen die großen Kakteen. Rundum gelungen, da schaden auch die Blues Brothers nicht, die die Besucher an einem Rastplatz empfangen.

Nun zum Kontrastprogramm:

Die Westseite der Insel besteht aus kilometerlangen weißen Stränden. Hier warten Hotels und Ferienanlagen auf Besucher und sie warten nicht umsonst. Zwischen unendlich vielen Palmen stehen edle Hotels. Mariott, Hyatt, Radisson, Riu, dazwischen ein paar kleinere aber ebenfalls sehr schöne Anlagen. Am Strand liegen Urlauber unter Palmen oder im Schutz pilzförmiger Sonnendächer. Im Wasser sausen Jetskis, Kite- und Windsurfer und Motorboote parallel zur Küste.

Große Katamarane segeln gemächlich zu einsameren Stellen, an denen sich dann alle Passagiere im Wasser vergnügen. Schnorcheln, tauchen, was man mag. Jeder der hier Urlaub macht hat alle Möglichkeiten sich zu vergnügen, wenn …. er das nötige „Kleingeld“ hat.

Lucie hat uns erzählt, Aruba wäre ein wenig wie Miami Beach. Hinter der Uferstraße reihen sich einige Malls aneinander, ewig gleich, wie überall.

Ach ja, auch sehr schräge Kombinationen kann man hier entdecken. Norbo bestand eisern auf deren Dokumentation. (Bild 4)

Auf dem Rückweg sahen wir ein Delifrance, bekannt für seine köstlichen Baguettes. Für drei Dollar erstand ich eins für unser Abendessen. Es hatte nichts, aber auch gar nichts mit Deli oder France zu tun.

 

Ach ja, noch etwas gab es gestern:

Leguan- Gruppensex am Steg

 

Was soll ich sagen..., zimperlich waren sie nicht!

Widerruf

So schlimm, wie in meinem ersten Bericht dargestellt, ist Oranjestad nicht. Nach einer Eingewöhnungszeit von ca. 3-4 Tagen haben wir uns ganz wohl gefühlt.

Wenn jemand lieber Park mag als Wald, ist er dort ganz gut aufgehoben.

 

Historisches:

Wußtet ihr eigentlich, daß Holland immer noch im Sklavenmarkt tätig war als England und Frankreich die Sklaverei schon verboten hatten? Die Sklaven wurden nach Curacao verschifft und die, die die (ich stotter eigentlich nicht) Reise überlebt hatten, wurden hier vor dem Weitertransport in den Süden der USA wieder etwas aufgepäppelt.

Letzte Bilder aus Oranjestad

17.-20. März

Aruba → Santa Marta

 

Dienstag:

3 Meilen zurück nach Osten sind es bis Barcadera Hafen, wo wir ausklarieren wollten. Was wir vergessen hatten war der Dunst der wohl immer brennenden Müllhalde auf diesem Weg. Würg!!!

Vorbei an den vielen vor Aruba vor Anker liegenden Tankern und Frachtern zogen uns die Segel danach nach Westen. Der frische Seewind durchlüftete unsere Lungen und der Gestank des verbrennenden Mülls war bald vergessen.

In der Nacht sank unsere Geschwindigkeit von 5,5 auf 3 Knoten. Der Vorteil: wir schliefen sehr gut, der Nachteil: ein mieses Etmal. Um uns herum trieben die stählernen Riesen der Meere ihr Unwesen. Es war ganz schön Betrieb.

Mittwoch:

Trotz langer Hosen und eines Pullovers bibberte ich auf meiner letzten Nachtwache. Selbst als die Sonne schon wieder schien war es noch kalt. Die Plicht war feucht vom Tau des frühen Morgens. Der Wind wurde langsam wieder stärker und am Nachmittag pfiff es mit 6 Bft. Die schnelle Fahrt brachte Pluspunkte beim Meilen sammeln.

Gegen Mittag erreichten wir das Cabo de la Vela. Vor dem Kap war die See ruppig und das Segeln kein Vergnügen. Von hier sind es noch 130 nm bis zu den „5-Finger-Buchten“ vor dem Cap Aguja, dem gefürchtetsten Kap der Region. Über 5000 m hoch sind die Berge der Sierra Nevada de Santa Marta, schneebedeckt, auch im Sommer. Heftigste Winde toben dort die steilen Hänge hinunter, weit hinaus auf das Meer.

Auch jetzt, vor dem warmen Kolumbien frieren wir uns den Ar... ab. Ich habe meine Fleecehose heraus geholt und einen dicken Pulli an. Das Thermometer zeigt eine gefühlte Temperatur von 24°C. Lächerlich, seine vielleicht. Meine liegt bei 10-12 °C.

 

Donnerstag:

Erst um 9 Uhr habe ich meine Winterausrüstung abgelegt. Die Sonne stand schon hoch und es wurde schnell warm.

Ab 6 Uhr mußten wir dieseln! In der windreichsten Ecke der Karibik! Aber besser als mit 50 kn Wind beharkt zu werden.

Jetzt ankern wir in der Ancon Nenguange, der größten der 5 Buchten, vor einem schönen Strand. Die Bucht ist umgeben von Bergen. Der Höchste hat immer noch 1000 m. Wir sind das einzige Boot, alles gehört uns.

Heftigste Böen sausen durch die Bucht, immer aus einer anderen Richtung. Ein riesiger Schwarm Pelikane, ca. 40-50, jagen Fische. Es ist eine toller Anblick, wenn sie über das Wasser gleiten.

Alles hier ist Nationalpark. Am Strand sieht man Touristen, die sich an der schönen Landschaft erfreuen. Kleine Boote bringen sie von einem Strand zum anderen. Leider verschleiert sich jetzt die Sonne. Aus dem schönen Fotolicht, das ich vor dem Sonnenuntergang erwartet habe, wird wohl nichts mehr.

Dafür gab es einen pastellfarbenen Himmel mit rosa Wolken und eine wunderschöne Hügellinie vor dem fernen Lichtschein von Santa Marta.

Freitag:

Langsam durchdrangen die ersten Sonnenstrahlen die zarten Dunstschleier zwischen den Bergketten. Es war herrlich ruhig und wir konnten uns von dieser Idylle kaum trennen.

Gegen 9 Uhr starteten wir dann doch noch. Am Ausgang der Bucht pfiffen uns ein paar heftige Böen um die Ohren, aber eine Meile weiter draußen beruhigte sich das Ganze.

Es ist schon verrückt! In einer Gegend, wo eher Sturm als Wind die Regel ist und die alle Segler „in Angst und Schrecken“ versetzt, zog uns die Genua weich durch ein ruhiges Wasser bis 1 nm vor Santa Marta. Vielleicht ein Geschenk des Meeresgottes, dem ich heute Abend einen kräftigen Schluck von meinem Wein abgeben werde.

 

Die SPICA liegt nun seit 1 ½ Jahren das erste Mal wieder am Festland. Anfang Oktober, im Jahr 2013, verließen wir die portugiesische Küste, heute machten wir sie in Kolumbien fest.

Sonntag, 22. März

Santa Marta

Tatendurstig machten wir uns gestern Vormittag auf zu einer ersten Sightseeing-Tour. Eingelullt durch das ruhige Aruba (die Autos hielten dort schon an, wenn nur die Chance bestand, daß man die Straße betreten könnte) schreckte uns die Fahrweise der Kolumbianer schnell aus dieser Trägheit auf. Hier hält keiner an! Selbst wenn man bei GRÜN an einer Ampel über die Straße geht rasen die rechts abbiegenden Mopeds laut hupend auf einen zu. Schnelles Handeln ist da angesagt.

Die Hupe, das wichtigste Bauteil eines Autos oder Mopeds gleich nach dem Motor und nach den Rädern erzeugt, da viel genutzt, einen hohen Lärmpegel in der Stadt. Ein einziges Fahrzeug ohne Hupe ist uns begegnet. Viele Händler an kleinen Ständen am Straßenrand bieten ihre Waren an. Obst, Kleidung, Schuhe, Gürtel, was sich halt verkaufen läßt.

Als Kontrast locken die kleinen, ruhigen Gassen der Altstadt, in deren Herz die Kathedrale steht, mitten auf einem großen offenen Platz. Ein paar Geier hatten sich auf ihrem Dach niedergelassen, sehr dekorativ. Auch hier gibt es „fliegende“ Händler. Sie schieben kleine Karren vor sich her, jeder mit einem laufenden Generator versehen. Darin befinden sich Köstlichkeiten wie pürierte Früchte, halbgefroren, echt köstlich.

Rund um einen kleinen Platz locken Bars und Restaurants. Im Schatten der hohen Bäume legten wir eine Rast ein, schauten Leute und gönnten uns einen Melonensaft.

Zusammen mit dem Fruchteis hatten wir nun in nur zwei Stunden 20.000 Pesos „versoffen“.

Für einen Dollar bekommt man ca.2500 Pesos, am Anfang ist es eine hübsche Rechnerei.

Ab und zu kommen Polizisten vorbei. Mit ihrem Outfit verschmelzen sie sehr schön mit dem Grün der Bäume.

Abends wanderten wir noch einmal durch die Gassen. Viele Leute waren unterwegs. Es ist hier wohl Tradition die kühle Briese des Abends zu einem Spaziergang zu nutzen.

Vor einem kleinen familiären Restaurant aßen wir ein köstliches Ceviche (roher Fisch in Zitronensaft gebeizt) und danach ein gebratenes Fischfilet. Die ganze Familie war am Arbeiten. Die Tochter warb um Kundschaft und servierte, der Großvater begoß unseren Salat vorsichtig und liebevoll mit Olivenöl und auch der Vater erschien, mit Schürze und Kochmütze war er wohl der Küchenchef. Alle waren rundum nett und freundlich.

Zurück an Bord begrüßten wir die winzige Sichel des neuen Monds, die von einem dunklen Nachthimmel herunter linste. Ein schöner Tag.

Mittwoch, 25. März

Santa Marta → Cartagena

Unser Schiffchen kann sich in der Marina drei Tage ausruhen, während wir mit dem Collectivo nach Cartagena unterwegs sind.

Vier Stunden Fahrt entlng der Küste. Am Anfang und Ende zumindest in den Zentren gepflegte Städte, dazwischen ---

In der ersten Hälfte der Strecke trennt die Straße das Meer von dem sumpfigen Hinterland. Häuser auf Pfählen, Fischer in kleinen Booten, zumindest am Anfang eine Idylle. Dann das erste Dorf. Ärmliche, zusammen gepappte Hütten umgeben von Tonnen von Plastikmüll, eine dicke farbige Schicht soweit man sieht. Auf der High-Tec-Straße sind Busse, Autos, Eselkarren, Maultiere, Mopeds und viele der wunderschönen Lastwagen, die gelb, rot, blau, grün und weiß die Blicke auf sich ziehen, unterwegs. Am Ende der Lagune standen sie nebeneinander auf den großen Parkplätzen und warteten auf ihren nächsten Einsatz.

iZwischen den wenigen Dörfern zog sich die Straße durch bewaldete Hügel, die jetzt in der Trockenzeit ihr Laub verloren haben. Der Boden ist bedeckt von braunem trockenen Gras. Manchmal sucht eine kleine Gruppe magerer Rinder nach etwas Fressbarem. Landwirtschaftlich genutzt wird wenig, ab und zu sieht man ein paar Kokospalmen oder Bananen. Ein paar übrig gebliebene Tümpel mit einem schmalen grünen Rand bringen etwas Farbe in das eintönige grau-braun.

Kolumbien ist bekannt für Gold, Smaragde, Kaffee und Kokain.

Die urbane Mittelschicht ist relativ gut gebildet, das Schulsystem scheint zu funktionieren. Der Großteil der Bevölkerung wohnt in den großen Städten, in Bogotá und in den Bergen von Medellin und Cali, der Rest in kleinen Dörfern.

Kolumbien ist ein großes Land. Hohe Berge, lange Küsten, Dschungel im Bereich des Amazonasbeckens. Man bräuchte viel Zeit um wenigstens einen Teil davon zu erkunden.

 

 

 

Die Lieblingsbeschäftigung der Einwohner ist laut Reiseführer trinken und tanzen. Das können wir bestätigen.

Auf den Ausflugsbooten, die Abends neben der SPICA anlandeten, wurde noch lange getanzt und getrunken (direkt aus der Flasche). Die letzten haben sie dann von Bord gehoben und zu dritt über den Steg auf festen Boden geschleift.

Mittwoch bis Freitag

Cartagena

Vollständig von einer dicken Stadtmauer umgeben bietet die Altstadt alles, was ein Touristenherz begehrt. Die schönen alten, gut erhaltenen Häuser säumen dicht an dicht die schmalen Gassen. Im Erdgeschoß warten Geschäfte und Restaurants auf Kundschaft. Wer hier einkaufen möchte, Schuhe, Kleidung, Schmuck und Souvenirs, kommt voll auf seine Kosten. Auffällig sind die vielen Balkone die, meist dunkelbraun oder weiß, jedes Haus schmücken, oft dicht bewachsen mit blühendem Rankengewirr oder auch mit klassischer Balkonbepflanzung.

Ein paar kleine Parks mit vielen Bänken laden zum Ausruhen ein. Nach ein paar Stunden nimmt man dieses Angebot gerne an.

Die Kirchen sind prachtvolle Bauten aber meist geschlossen oder nur gegen Eintritt zu besichtigen.

Viele Straßenhändler sind unterwegs, Ketten, Sonnenbrillen, T-Shirts, Gebackenes, die Konkurrenz ist hart. Herausgeputzte Ladies in weiten Kleidern in den Landesfarben bieten dekorativ präsentiertes Obst und sich selbst für Fotos an. Ich konnte nicht widerstehen. Danach folgte ein knallharter Abzockversuch, ein winziges Schälchen Obst incl. Foto für 10.000 Pesos = 4 Dollar. Das war schon sehr überzogen und weit oberhalb der Grenze, die man mit einem gutmütigen Grinsen noch akzeptieren kann. Auch ich kann handeln wenn Frau mich ärgert und zahlte am Schluß noch 25 %.

Am Donnerstag besuchten wir erst das Goldmuseum, wo wir in die Geheimnisse der alten Goldschmiede eingeweiht wurden. Eine mühsame Arbeit. Die zu gestaltende Figur oder das Schmuckstück wird aus Wachs geformt. Für die filigranen Muster der Ohrringe braucht man schon einige Zeit. Dann wird das Modell in Ton gebettet und gebrannt. Durch die Öffnung am oberen Ende wird das heiße Wachs abgegossen und die flüssige Goldlegierung hinein gefüllt. Nach dem Abkühlen wird das Gefäß zerschlagen und das Gold gesäubert und poliert. Entstanden sind bezaubernde Schmuckstücke, vieleVögel oder Amulette.

Auch das historische Museum haben wir besucht. Das ehemalige „Justizgebäude“, von den Spaniern erbaut, eine Hochburg der Inquisition, ist architektonisch schön gestaltet. Ein Palast mit imposanten Innenhof, dem drei hohe, ganz gerade Palmen vor einer aprikosenfarbigen Wand den Touch des Besonderen verleihen. Dann ist aber schon Schluß mit lustig, denn die ebenerdigen Räume stehen voller alter Foltergeräte. Wie pervers müssen die Leute gewesen sein, die diese Geräte konstruiert haben und wie krank die Anderen, die sie angewendet haben. Hatte man dann ein Geständnis erpresst stand praktischerweise im nächsten Hof eine Guillotine und in dem danach folgenden ein Galgen. Sehr zur Begeisterung der vielen Touristen, die sich jubelnd auf die Gelegenheit stürzten und sich die Schlinge um den Hals legten um dann, im Angesicht der gezückten Fotoapparate die Zunge herauszustrecken und die Augen zu verdrehen. Selbst Leute, die sonst vermutlich jede Anstrengung meiden, schleppen sich begeistert die kleine Treppe hinauf.

Der Rest des Museums bestand aus ein paar alten Karten, den Routen der spanischen Schiffe und den Modellen von ein paar Indiodörfern, nichtssagend im Schatten der alles beherrschenden, noch fühlbaren Brutalität.

Zurück im Sonnenlicht schauten wir den Reisegruppen zu, die ihren jeweiligen Guides folgten. Einer spielte zum Sammeln und Aufbruch auf einer Klarinette und seine Gruppe folgte ihm brav.

Abends wurden überall Tische und Stühle auf die Straßen und Plätze gestellt, die Türen zu geräumigen Innenhöfen sind geöffnet. Es wird gegessen und getrunken wohin man auch schaut. Besonders beliebt war das „KGB“. Bilder von Stalin und dem Kreml schmücken seine Fassade, die Kellnerinnen und Kellner tragen Uniform. Die Kneipe kommt an, keine Frage.

Auf einem kleinen Platz spielte eine Frau auf ihrer Guitarre, schöne spanische Musik, die wenigen Sitzplätze auf den Bänken waren gut besucht.

Auch einer Gruppe Musikern und Tänzern sahen wir zu. Extrem schnelle Bewegungen zu rasanten Rhythmen, perfekt! aber es waren immer nur kurze Darbietungen möglich, dann japsten sie nach Luft und die nächsten Tänzer übernahmen. Die Oberkörper glänzten vor Schweiß.

Auf dem Rückweg zum Hotel verlief ich uns heute zum zweiten Mal, aber Norbert wußte noch wie es weiter ging. So landeten wir nach vielen Stunden Fußmarsch über die Pflaster Cartagenas wieder in unserem Zimmer und legten die Beine hoch.

Und nun noch zum Ende: Knigge auf kolumbianisch.