1., 2. und 3. Juni 2013 - Abschied und Start

 

Samstag:

Letzte Einweisungen in die allergeheimsten Geheimnisse der Amateurfunktechnik für den frischgebackenen, lizenzierten OM = Norbert Rüsch.

OM/Master“, Norbert Kruse, war am Donnerstag, d. 30. Mai mit uns nach Kröslin gefahren. Wir verbrachten zwei entspannte Tage.

Die Herren widmeten sich der oben erwähnten Einweisung und versackten im Rausch der Technik. Die „Damen“ Ilona und ich, rüschten inzwischen die SPICA weiter auf. Letzte Schwalbennester wurden montiert, jede Menge Haken verbaut. Am Samstag kehrten sie zurück nach Berlin, unsere stillgelegte Heimat.

Abends besuchten uns Uli und Angelika, die uns zwei nagelneue, glänzende, dunkelblaue Fender mitbrachten. Jetzt hängen sie an unserer Reling (die Fender), heißen Uli und Angelika und werden uns auf unserer Reise begleiten. Ich kann sie auseinander halten. Angelika wimmert gerade zwischen Boot und Rudener Hafenmauer während Uli sich auf der Backbordseite locker in der Sonne räkelt.  (Ich schreibe diesen Bericht auf dem Ruden)

 

Sonntag mittag, es goß in Strömen, besuchten uns Luise und Lars Winkelmann mit ihren Kindern Till und Marlene. Sie sind mit „unserer“ SPICA drei Jahre um die Welt gesegelt und wollten das Schiff noch einmal sehen. Es wurde geschaut und gestöbert und alte Erinnerungen heraus gekramt. Till und Marlene bereicherten unser Gästebuch mit schönen Zeichnungen und vielen guten Wünschen. Vielen Dank ihr Zwei.

 

Das Besucherkaroussel drehte sich weiter. Jan erschien, kurz darauf Walter und Carola. Vor der SPICA entstand ein Gruppenfoto.

Abschied von Jan, die Tränen lauerten hinter den Lidern.

Walter und Carola hatten ein „Pfälzer Überlebenspaket“ für uns dabei. Blut- und Leberwurst, Saumagen, jede Menge Wein und viele interessante Bücher. Ich glaube es lebt und „überlebt“ sich gut in der Pfalz.

 

Am Montag, unserem Abreisetag frühstückten wir noch mit den Beiden im „Himmel“.

Es wurde 11 Uhr. Unser Großsegel ist noch nicht wirklich einsatzbereit, die Windsteueranlage wartet auf die Inbetriebnahme, die Navigation bis Kiel liegt noch in den Windeln. Der Wind tobte aber: DIE SONNE SCHIEN.

Abschied von der Marina Kröslin, eine jederzeit zu empfehlende Adresse. Freundliche, kompetente Mitarbeiter, eine sehr angenehme Atmosphäre.

Leinen los. Walter und Carola winkten wie verrückt und begleiteten uns noch ein Stück auf dem Steg.

Liebe, herzliche Freunde, paßt auf Euch auf.

Überhaupt, die ganze letzte Woche haben wir Abschied genommen. Emotional sehr bewegend. Wir sind glücklich so viele nette Freunde und Bekannte zu haben.

 

Jetzt liegen wir im Hafen von Ruden, haben alle Hausaufgaben gemacht und sogar zwei Stunden im Windschatten der Hafenmauer in der Sonne herumgelungert, wie Uli!

 

Fahrzeit bis Ruden: 1,5 Std. aber: Die Reise hat begonnen!

Sonntag, d. 9. Juni / Kühlungsborn

 

Unsere erste Nachtfahrt

 

3 Tage lagen wir in Barhöft und lauerten auf den passenden Wind für unseren Törn nach Rostock (58 nm) oder nach Kühlungsborn (66 nm). Windstärke 1-2 taugt nicht für unseren 12 Tonnen Schatz.

Gestern, im Wetterbericht, ein Hoffnungsschimmer!

Wind Samstag von 12-24 Uhr: 2-3 Bf aus NW, Sonntag bis 12 Uhr: 2-3 Bf aus West.

Paßte wie bestellt. (War aber natürlich gelogen!) Nachtfahren müssen wir auch noch üben, also: 14:30 Uhr → Leinen los. In der Barhöfter Rinne kam uns ein Regattafeld entgegen. Spinnaker in leuchtenden Farben, Kutter mit fröhlichen Seglern, emsig Segel trimmende Skipper, alles war vertreten.

 

Am Ende der Rinne konnten dann auch wir segeln. Am Wind die Westküste von Hiddensee entlang, Luxus pur. Leider drehte unser schöner NO-Wind und wurde zu reinem Westwind. Das hieß kreuzen, aber egal, wir hatten ja Zeit.

Die Sonne verwöhnte uns. Leider hatte sie noch einen weiteren Termin auf der anderen Seite der Welt und so versank sie, hochrot, vor unseren Augen im Meer. Der Himmel blieb noch lange hell. Es wurde Mitternacht, auch hier noch ein Rest Türkis in dem zunehmenden Schwarz.

Norbert legte sich hin und ruhte die Augen aus. Ich hatte ein Problem mit einem erleuchteten vor mir her wedelnden, ständig die Richtung ändernden Etwas, das sich nach 20 sorgenvollen Minuten als Fähre weit draußen im Verkehrstrennungsgebiet entpuppte.

Der Wind schaute auf Norbert, der sich wie gesagt ausruhte und beschloß, das kann ich auch! Unser Diesel wurde geweckt, mal ist halt jeder drann. Nach kurzer Reha, ca. 2 Std. war der Wind wieder fit. Ich dagegen nicht mehr. Nur kurz ausruhen. Als ich wieder aufwachte war es hell! Ich hatte gute zwei Stunden geschlafen,. 4:15 Uhr: Sonnenaufgang. Genau so rotglühend, wie sie gestern im Meer versunken war stieg sie wieder auf, leider nur für ein kurzes Zwischenspiel.

Norbert sauste nun mit 6 kn auf unser Ziel zu. Leider hatte sich auch die noch bis Mitternacht spürbare Wärme verzogen. Jetzt jedenfalls war es ...(weibliches Schwein mit drei Buchstaben) ...kalt! Decken und Schlafsäcke halfen nur ungenügend. Dann streikte auch noch unser Autopilot, das hieß steuern. Eine Stunde schaffte ich, dann war mir so kalt, daß ich mich im Salon unter die Decken verkroch um mich warm zu schlottern.

Gegen 9 Uhr erreichten wir Kühlungsborn. 18 Std. → 80 nm, bis Mitternacht ein Traumerlebnis.

Mein Fazit: Nachtfahren jederzeit, aber nicht unter 10°C!!! Schlotter. Man kann wirklich nicht so schnell zittern wie man friert.

Frühstück: Nachschub für den Brennofen. Um 13:30 erwischte mich eine weitere Heißhungerattacke aber ich glaube, nun ist es überstanden.

 

10. Juni / Heiligenhafen

Heute sind wir laut AIS versenkt worden. AIS ist ein System, das über UKW Signale wie Schiffsname, Kurs, Geschwindikeit, usw. von anderen Schiffen empfängt und diese in die

aktuelle Computer-Seekarte einfügt.

Auf dem Weg von Kühlungsborn nach Fehmarnsund tauchte aus dem Dunst eine Fähre auf, die genau auf uns zuhielt – und zwar mit 19,8 kn. (Wir fuhren 4,5 kn) Laut AIS bestand direkter Kollisionskurs. Da wir ebenfalls motorten hatten wir keine Vorfahrt. Das Teil kam gruselig schnell auf uns zu, Norbert steigerte unsere Geschwindigkeit (ein Lacher) gab dann aber auch schnell Entwarnung. Auf dem Bildschirm unten im Schiff sah das aber ganz anders aus. Die Fähre fuhr vor meinen Augen durch unser Schiff. Ich hielt mir mental die Augen zu und wartete auf den großen Krach. Oben an Deck sah das alles etwas entspannter aus. Sie war schon nah, oh ja! Aber wir leben noch (und zwar gut).

Dies feierte ich heute Abend mit zwei Gläsern Wein (superguter Wein, Spende von Uli, vielen Dank) Mein erster Wein seit 8 Tagen, das erklärt meinen schwebeleichten Zustand.

Uns geht es supergut, ich hoffe, Euch Allen auch. Liebe Grüße

 

Ach ja........wunderschön und aufregend war Unterquerung der Fehmarnsund Brücke imstrahlenden Sonnenlicht.

 

Mittwoch, 12. Juni, 16:00 Uhr / auf See

 

Mein erster Wal !!!

Wir sind auf dem Weg nach Kiel. Der „Wind“ ließ sich heute, wie auch in den letzten Tagen, schon mal bitten. Windstärke und -richtung ließen arg zu wünschen übrig. Wir dümpelten mit ca. 3 kn (Wandertempo) vor uns hin, fast Vorwindkurs, mit ständig einfallender Genua. Vorbei an der Hohwachter Bucht, in der sich die Marine wohl gerade mit Schießübungen amüsierte. Noch 10 nm bis zum NOK (Nord- Ostsee-Kanal). Norbert monierte die fehlende Fauna. Wenigstens ein paar Schweinswale müßten uns doch verabschieden. JA, fand ich auch, Spalier wäre mir am liebsten. Auf der einen Seite Schweinswale, auf der anderen Seite Robben.

Keine 5 Minuten später erspähte ich auf der Backbordseite eine delfinartige Rückenflosse. Sie schoß heran, ein kurzer Blickkontagt. Kurze Nase kleine, kompakte Figur, ansonsten ein liebes Delfingesicht mit dem typischen Lächeln, eindeutig ein Schweinswal. Kein Spalier, zugegeben, auch die Eile, mit der er uns verließ, war zu bemängeln. Aber wenigstens eine Abordnung.

Anständig verabschiedet biegen wir nun ein in die Kieler Förde.

Ostsee Ade.

Die vielen wunderschönen Sonnentage waren unschlagbar, nur an dem passenden Wind hat es gefehlt.

 

20:00 Uhr.

Mein Gemecker von 16:00 Uhr ließ nun auch den Wind aktiv werden. Traumsegeln durch die Kieler Förde. Mit 4,5 bis 6,5 kn „schlichen“ wir uns an den roten Fahrwassertonnen entlang, vorbei an der ständigen Parade der aus dem NOK kommenden Frachter und Fähren. Aufregend, aus den hohen Steuerständen winkten sie manchmal freundlich. Direkt vor dem NOK spritzte dann auch noch die Feuerwehr Salut.

Jetzt liegen wir in dem kleinen Yachthafen direkt vor der Nordschleuse. Es fängt an zu regnen, aber mein Feierabendradler trinke ich noch in der Plicht, mit angezogenen Beinen unter unserem schützenden Dach. Einen Schluck dieses Getränks habe ich aus Dankbarkeit dem hiesigen Meeresgott abgegeben. Ich hoffe, es hat ihn nicht zu sehr geschüttelt.

 

NS: Olaf ist inzwischen in Dover angekommen. Herzlichen Glückwunsch.

Nord- Ostsee-Kanal

 

Samstag, 15. 06. 2013: 14 Uhr

Seit gestern befahren wir den NOK.

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Freitag, 9:30 Uhr: Das AIS zeigte drei in die Schleuse einfahrende Frachter. Wir legten ab und hofften uns anschließen zu können. Die alten Schleusen, die sonst die Sportschifffahrt bedient sind

zur Zeit außer Betrieb, man muß sich daher zwischen die Monsterschiffe schmuggeln.

Ich funkte über Kanal 13 den Schleusenmeister an.

Kiel 04, hier ist SY SPICA, haben wir noch eine Chance mit in die Schleusenkammer zu kommen?“

Kiel 04: „An das Sportboot, wo sind sie denn?“ „Direkt vor der Schleusenkammer“

Kiel 04: (leichtes resigniertes Grinsen in der Stimme) „Möchten sie in den Kanal hinein oder heraus?“ Uih, peinlich! Ich stellte das klar. Dann plötzlich der Durchruf: „Kiel 04 an das Sportboot, sie können jetzt zügig in den Südkanal einfahren.“

Wir beeilten uns. Das Tor stand halb offen. Hinein, anlegen. Ich kletterte die Leiter hinauf, bezahlte 18 Euro und kletterte wieder hinunter. Wir waren ganz allein in der großen Schleuse. Komfortabel an eine Art Schwimmsteg fixiert wurden wir mit diesem ca. 30 cm angehoben, dann hinaus gescheucht. Draußen begehrten die Riesenschiffe Einlaß.

Wir motorten gegen einen starken Wind an, die SPICA mußte schuften. Ab und zu überholten oder begegneten uns Tanker oder Frachtschiffe.

Bei Borgstedt erreichten wir das Ziel des heutigen Tages, die Gastmarina Schreiber. Ein schöner Platz.

Zu unserem Bananaboot gehört auch eine Segelausrüstung. Diese hatten wir einem Funkfreund von Norbert Kruse versprochen. Sie sollte hier deponiert werden. Alles wurde sortiert und ausgelagert. Probehalber montierten wir das Bananaboot, Norbert schrubbte es sogar. Nun war es sauber und brauchte einen Namen. Wir tauften es SPACESHUTTLE, das paßt zu seiner Funktion und zu unserem Schiffsnamen. Zurück zum Samstag, inzwischen 14:40 Uhr:

Soeben haben wir die Ausweichstelle Breiholz passiert. Zwei große Tanker warteten hier, einer folgte uns, einer kam uns entgegen, eine Fähre querte. Ich tuckerte vorbei, mein Herz tuckerte auch. Aber alles ist ok. Der Stau hat sich aufgelöst, jetzt tuckert nur noch der Motor.

 

 

Ein Gewitter sorgte etwas später noch für ein wenig Pepp. Norbert war drann mit steuern. Ich lungerte, gut verpackt, unter unserem Dach herum. Der Himmel wurde schwarz, vor uns stand eine hellgraue Wand. Ich schlüpfte schnell in meine neuen Regenhosen und übernahm das Steuer. Dann krachte es auch schon, Blitze, Donner, fette Regentropfen. Ein fast tropischer Regenguß, nur leider viel kälter. Dazu heftige Windböen, die dafür sorgten, daß auch ja nichts an mir trocken blieb und nach wie vor, keine Sicht. Ich tastete mich am Ufer entlang, „frau“haft das Steuer fest in der Hand, wie einst John Maynard. Leider ist dieser Name schon vergeben, so heißt nämlich unsere Windsteueranlage. Die beiden dicken Fender heißen Berta und Klaus.

Irgendwann schien die Sonne wieder und Norbert übernahm. Ich pellte mich aus den nassen Sachen, die jetzt in der Sonne trocknen.

 

In Brunsbüttel liegen wir in dem kleinen Yachthafen direkt neben der großen Schleuse. Die dicken Brummer fahren genau an uns vorbei, mit 10 m Abstand. Sehr spannend.

Wir saßen noch lange und schauten hoch zu den riesigen Aufbauten der Containerschiffe, zu den hochhaushohen Brücken, in denen die Kapitäne und Steuermänner diese Ungetüme durch Meere, Kanäle und Schleusen steuern.

Ein spannendes Erlebnis, das man so schnell nicht mehr haben wird.

Dienstag, 18. 06. / Cuxhaven

 

Die Elbe

Am Sonntag früh im 6 Uhr weckte mich das schöne Lied „Quandos aline Cuba“, die „Rückseite“

meiner alten Single „Guantanamera“, (habe ich Ano 1967/68 gekauft) und stimmte mich sozusagen auf die Elbe ein.

Um 6:30 Uhr funkte ich, diesmal schon ganz souverän, Kiel 01, Schleuse Brunsbüttel an. Wir durften sofort einlaufen und wurden zusammen mit einem Tanker und einem Arbeitsschiff geschleust.

Raus auf die Elbe, fast schon ein Meer. Der vertraute Gegenwind begrüßte uns und so dieselten wir mit 3,4-3,8 kn Elbe abwärts, immer an den Tonnen entlang. Bald kippte der Strom und wir wurden schneller: 5-> 6-> 7-< 8 kn. Mit 8,8 kn schossen wir in den Amerikahafen, in dem uns Strömung und Gegenströmungen wie bei einem Rodeo tanzen ließen. Es war immer noch krass windig, so daß wir ein paar Anläufe brauchten um im Yachthafen der Liegevereinigung Cuxhaven/ Fährhafen festlagen. Es kam auch gleich ein Vereinsmitglied zur Hilfe und begrüßte uns herzlich. Überhaupt sind hier alle total nett und kümmern sich darum, daß es uns gut geht. Mit den zur Verfügung gestellten Fahrrädern kommt man bequem in die Stadt.

Gestern haben wir noch holländische Seekarten besorgt (war schwierig), die Homepage auf den aktuellen Stand gebracht, waren beim Trans-Ocean e.V. eine Lieferung von SVB abholen, haben eingekauft und waren abends platt (nicht zu verwechseln mit Platt), wie nach einem langen Arbeitstag.

Beim TO war gerade der Düsseldorfer Stützpunktleiter zu Gast, der auf dem Weg nach Riga ist und uns mit vielen Hinweisen bezüglich der Nordseepassage versorgte.

Walter hatte auch angerufen um ein Überraschungspaket anzukündigen, die Lieferung bestellter Lautsprecher hat sich ebenfalls verzögert. Da wir nicht wissen, wann und wo wir in den nächsten Tagen sind, verschoben wir die Weiterfahrt.

Nicht das ihr denkt wir haben Urlaub. Heute werden noch Kleiderhaken montiert, die Ankerkette ausgelegt und markiert, die Dirk erneuert, der lecke Hahn unserer Wassertanks abgedichtet und nicht zu vergessen das Tagebuch geschrieben, damit die „Zurückgebliebenen“ (mußte ich einfach mal bringen) etwas zum Lesen haben.

Liebe Leute, wir denken oft an Euch, besonders wenn wir die vielen Klicks auf unserer Startseite sehen. Es ist schön daß es die „elektronische Leine“ gibt, die uns verbindet. Wir freuen uns auch immer sehr über Mails mit Neuigkeiten aus der Heimat.

 

Nächste Meldung wahrscheinlich aus Borkum, kann aber einige Tage dauern!

Montag, 24. 06.2013

Flucht aus Cuxhaven

8 Tage Cuxhaven. Warten auf Lieferungen und Pakete, warten auf den passenden Wind, warten auf das Ende von Sturm und Regen, warten aufs Christkind? (Lag gefühlsmäßig im Rahmen des Möglichen)

Es reichte irgendwie, das Motto hieß: Nichts wie weg.

Wecker klingeln im 4:30 Uhr. Passend dazu regnete es. Langes Zögern, vielleicht doch erst morgen fahren? Das Bett war warm und der Regen kalt. Grübel. Dann endlich der Entschluss, Leinen los. Der innere Schweinehund legte sich schlafen.

Die Elbe war wieder ein Kracher! Was für ein Ritt. Auflandiger Wind, heftige Böen, ablaufendes Wasser, hohe Wellen. Leider stimmte die Windrichtung nicht mehr und wir mussten dieseln. Entweder wir sausten mit bis zu 11,8 kn stromabwärts oder Wind und Wellen stoppten uns auf 3,6 kn.

Dann: segeln auf der Nordsee. Die Wellen waren erträglich, ziemlich weit auseinander, weicher als Ostseewellen. Kurz vor Helgoland schlief der Wind ein und es blieb nur noch die Welle. Vor der Hafeneinfahrt kabbelte es heftig und meine Seele wurde leicht grün.

In Helgoland liegen wir nun neben einer Bavaria 39. Berliner – auf dem Weg in die weite Welt.

Nette Leute, Anette und Thomas auf der ANKE-SOPHIE.

Kurzer Hafenreport

Hier liegt man im Päckchen, meist drei Boote nebeneinander. Im Sommer soll es Päckchen mit bis zu zwölf Booten geben. Wir liegen zwischen den Berlinern und einem Pfälzer mit seiner Familie.

4 Erwachsene, ein Kleinkind und ein Minipudel. Von ihm haben wir viele Tipps über Holland bekommen, ebenso wie seine Seekarten vom Ijsselmeer und von der Stehmastroute, die quer durch Holland verläuft und inzwischen eine Wassertiefe von 2,3 bis 2,5 m haben soll. Eine Alternative bei Mistwetter auf der Nordsee.
Auch mit den andern Seglern kommt man ins Plaudern. Einfach eine nette Atmosphäre.

201324.-... 06.

 Helgoland

 Erster Rundgang, Steilküstenwanderung, weiter Blick über das Meer. Dunkle Wolken im Wechsel mit strahlendem Sonnenschein. Sonnenflecken auf grauem Wasser, dann wieder ziehende Wolkenschatten in gleißendem Silber.

Helgolands Küste ist windumtost und es schwirren Unmengen Vögel um uns herum. Möwen, Seeschwalben, Lummen, Tordalke und Basstölpel. Am spektakulärsten und schönsten sind die Basstölpel. Ihre Flügelspannweite ist gigantisch, laut Informationstafel bis zu 1,7 m. Jung- und Altvögel sitzen 5-10 m vom Weg entfernt an der Steilkante.Einige balzen, andere bauen neue Nester oder bessern die alten aus, Jungvögel warten auf Futter. Der Geruch ist ziemlich streng. Das Ganze ist ein unglaublich tolles Erlebnis. Wir waren bisher drei Mal dort oben und es ist jedes Mal gleich aufregend.

Heute ist der Wind besonders krass. Man muss sich heftig dagegen stemmen, auch die Tölpel.

Sie kommen beim Fliegen kaum vorwärts bis sie dann plötzlich wie ein Pfeil nach oben wegziehen. Man könnte stundenlang zusehen, wenn es nicht so kalt wäre. Länger als 20 Minuten hält man es kaum aus. Danach ist man völlig durchgefroren.

Norbert und ich hatten das Fotojagdfieber. Basstölpel im Flug zu erwischen war das erklärte Ziel. Aus der Beute gibt es auch ein paar tolle Fotos für Euch.

Sonntag, d. 29. 06.

Westwind oder unser erster Ausbruchsversuch

Seit dem 19. Juni haben wir reinen Westwind oder als schöne Abwechslung NordWestwind der Stärke 6 Bf mit Böen bis 7, 8 oder 9. Unser nächstes Ziel ist Borkum. Das liegt in WSW, von Cuxhaven 95nm und von Helgoland ca. 75-80nm entfernt. Die Küstenverkehrszone, in der wir fahren müssen, ist relativ schmal. Richtig kreuzen ist dort für uns schwierig. Ein zusätzliches Hindernis ist, daß man in fast alle Häfen nur mit einlaufendem Wasser in einer kurzen Zeitspanne einfahren kann. Der auflandige Westwind darf nicht stärker als 5 Bf sein, sonst ist die Dünung zu stark.

Ein kompliziertes Revier, die navigatorischen Vorbereitungen für den Törn sind zumindest für uns Nordsee-Neulinge recht umfangreich.

Kreuzen bedeutet auch immer viel mehr Meilen als gerade Strecke. Fahren über Nacht ist hart, es hat zur Zeit nachts 9-10° C. Leute das ist wirklich kalt, zumal der Wind einem bei diesem Kurs fast von vorn ins Gesicht bläst.

Letzte Woche wagten drei Schiffe den Ausbruch, abends waren alle drei wieder da.

Gestern, am Samstag, schien sich ein Zeitfenster zu öffnen.

Wetterbericht: NNW 4-5 Bf, später NW 4-5, abends W 4, keine Böen.

Die Anke-Sophie legte schon um 4 Uhr ab, sie wollten ziemlich weit fahren, wenn möglich bis Terschelling. Wir stellten den Wecker auf 4:30 Uhr, aber erst um 8 Uhr drehte der Wind in die nördliche Richtung und wir legten ab.

Auf den ersten 20 nm waren wir sehr schnell. 7,5 kn, das Großsegel mit einem Reff, Kurs nach SW unter das Verkehrstrennungsgebiet, dann nach SSW. Der Wind wurde immer Stärker, die Wellen höher. Ein Schweizer mit einer 40-iger Hallberg-Rassy, der seit Helgoland vor uns fuhr, kam uns nun wieder entgegen.

Die SPICA hielt sich tapfer. Die Wellenberge waren echt krass, so etwas habe ich vorher noch nie gesehen. Der Wind fauchte und beutelte uns. Im Salon flog alles durcheinander, es krachte und schepperte. Mein Hängeampel hing herab, eine Kette war gerissen. Die Äpfel kullerten am Boden herum, eine halbe Banane klammerte sich noch am Hängekorb fest. Meine neue PC-Tastatur lag am Boden, neben Küchenrollen und Backpapier. Aber – wir kamen immer noch gut voran. Dann plötzlich, ca. 14 Uhr, reiner Westwind. Viel zu früh. Wir kreuzten in der oben genannten schmalen Zone. Gegen Land wurde es flacher und somit die Wellen noch höher. Das Großsegel musste weiter gerefft werden.

Ich gürtete mir innerlich die Lenden, krabbelte dann nach vorn und verkleinerte das Segel. Kaum war ich wieder im Cockpit wurde ein heftiges Opfer für Ulf fällig.

Als ich wieder klar sehen konnte überlegten wir. Bis Borkum waren es noch 40 nm Luftlinie, also mindesten 8, wahrscheinlich 16 Stunden. Frage? Weiter oder zurück nach Helgoland.???

Alles in mir sträubte sich dagegen!!! Aber, wenn Wind und Wellen vor der Einfahrt nach Borkum noch genauso hoch wären? Und ich nicht einsatzbereit?

Schweren Herzens gab ich zu, daß umkehren besser wäre.

Die Rückfahrt war problemlos, da wir nun den Wind fast im Rücken hatten. Um 21 Uhr lagen wir wieder im Hafen von Helgoland. Ich hatte mich schon wieder gut erholt und an ein paar Stücken Früchtebrötchen herum gekaut.

Ausbruchsversuch gescheitert!

Am Sonntag gingen wir zum Meteorologen. Anscheinend hatten sie doch noch eine Windwarnung für 8 Bf herausgegeben, aber da waren wir schon weg. Die Aussichten für die nächsten Tage sind auch nicht wirklich gut. Westwind bis zum Abwinken. DI/Mi gibt es vielleicht mal etwas SSW oder sogar SO Wind. Mal sehen, ob wir daraus etwas machen können.

 

Heute sahen wir uns die Robben auf der Düne an. Dicke Rollen liegen in Gruppen am Strand. Norbert meinte, sie sehen aus wie aufgeblasene Schweine. Kaum einer bewegte sich. Manchmal rafft sich einer auf und schuckelt sich zum Wasser. Etliche amüsierten sich dort, ließen sich von den Wellen wiegen oder bolzten mit einem Kumpel.

Ansonsten war ich heute leicht geknickt. Dieses Gefühl, die Zeit läuft weg und wir kommen nicht vorwärts, machte mir zu schaffen. Andererseits haben wir 8 Bft überstanden, Härtetest gleich am Anfang.

Haltet uns die Daumen, daß Wind und Wetter mal günstig für uns sind und daß es etwas wärmer wird und wir auch nachts mal segeln können, denn jetzt liegen die Einlaufzeiten (Niedrigwasser + ca 30 Min) in die Häfen alle in der Nacht oder um die Mittagszeit.